Inflation in Deutschland: Alles, was Sie wissen müssen

Inflation in Deutschland: Alles, was Sie wissen müssen

Rasende Geldentwertung – und kein Ende in Sicht? Wir erklären, was es mit der Rekordinflation in der Eurozone auf sich hat, wo die Preisspirale am schlimmsten ist und was wir von den Amerikanern lernen können.

Die Rekordinflation in der Eurozone nimmt historische Dimensionen an: Seit Beginn der Statistik im Jahr 1949 hat Geld in Deutschland noch nie so schnell so viel Wert verloren. Mit einem Ende rechnen Ökonomen erstmal nicht, im Gegenteil: In den kommenden Monaten wird sich die Geldentwertung wohl noch beschleunigen. Damit steht Deutschland in Europa nicht einmal an der Spitze der unrühmlichen Inflationsliste. In anderen EU-Ländern schlägt der Geldverfall noch heftiger zu: 20 bis 25 Prozent melden etwa die baltischen Staaten.

Buchtipp : Die Inflation von 1923 – wie es zur größten deutschen Geldkatastrophe kam

Manche denken da schon an die Hyperinflation, die nach dem Ersten Weltkrieg alles Bisherige in den Schatten stellte. Die Wirtschaft war am Boden und der war Staat pleite – aber zahlungspflichtig. So warf man die Notenpressen an, um Geldforderungen zu bedienen. Sie liefen Tag und Nacht. Das Ergebnis war ein Trauma, das viele heute noch gruselt: Es gab immer mehr Geld, aber keine äquivalenten Waren, um einen entsprechenden Gegenwert darzustellen. Die Geldentwertung nahm schnell groteske Züge an: Menschen trugen Berge von Geldscheinen in Wäschekörben durch die Gegend.

Ein einzelnes Ei kostete am 9. Juni 1923 in Berlin bereits 800 Mark. Am 2. Dezember im gleichen Jahr: 320 Milliarden Mark. Löhne musste man sofort ausgeben, weil sie schon auf dem Weg zum Geschäft ihren Wert verlieren konnten.

Doch Experten beruhigen: So katastrophal wie damals kann es heute nicht mehr kommen. Ernst ist die Lage trotzdem, denn ein Ende der hohen Inflation ist erstmal nicht in Sicht, viele leiden unter der Geldentwertung.

Rekordinflation andernorts noch schlimmer

Das europäische Statistikamt (Eurostat) meldete für Deutschland zuletzt eine Teuerungsrate von 8,8 Prozent (Hinweis: Die Inflationsrate bezieht sich in der Regel auf den Zeitraum von einem Jahr). In anderen Staaten, die den Euro ebenfalls als Zahlungsmittel eingeführt haben, liegt die Inflation noch höher: Bei durchschnittlich über 9 Prozent. Die Niederlande meldeten im August 13,6 Prozent.

Auch in Deutschlands Nachbarstaaten sind die gestiegenen Energiepreise dabei der treibende Faktor: Gestoppte Gaslieferungen aus Russland und der Angriffskrieg in der Ukraine haben die Energiekosten von einem Monat auf den nächsten um fast 40 Prozent in die Höhe getrieben. Genussmittel wie Alkohol und Tabak, aber auch Lebensmitteln, haben sich um mehr als 10 Prozent verteuert.

Etwas weniger schlimm ist es derzeit noch in Ländern wie Frankreich (6,6 Prozent) oder Finnland (7,9 Prozent). Dramatische Raten meldet dagegen das Baltikum: Estland verzeichnet 25,2 Prozent Inflation, Lettland 21,4 und Litauen 21,1. Die extremen Werte gehen dort auch auf die landwirtschaftliche Ausrichtung dieser Staaten zurück: Wichtige Importe etwa von Düngemitteln aus Russland oder der Ukraine sind derzeit nicht, oder nur eingeschränkt möglich und müssen teuer ersetzt werden.

Doch auch auf solche Werte kann man in der Türkei nur neidisch blicken: In der Republik am Bosporus legten die Verbraucherpreise um mehr als 80 Prozent zu. Diesen Wert nennt das Statistische Bundesamt für den Monat August. Weil die Türkei viele Rohstoffe importieren muss, zeigen die explodierenden Energiepreise dort besondere Wirkung. Zudem schwächelt der Lira-Kurs schon länger, das macht den Einkauf von Ressourcen auf dem Weltmarkt (wo in US-Dollar gehandelt wird) noch kostspieliger.

Und selbst die extreme Geldentwertung in der Türkei wird in manchen afrikanischen Staaten weit übertroffen: Im Sudan sind Preise zuletzt um beinahe 200 Prozent nach oben geschossen. Den beklemmenden Weltrekord der aktuellen Inflationswelle hält Simbabwe: Dort sind Waren und Dienstleistungen um 285 Prozent teurer geworden – ein schier unvorstellbarer Faktor.

Die Lage in Deutschland

Auch in Deutschland reiben sich viele die Augen, wenn sie Preisschilder im Supermarkt studieren, Post vom Stromversorger bekommen oder Heizkosten kalkulieren. Der Preisanstieg bei Energie hat zuletzt zwar wieder etwas nachgelassen, innerhalb eines Jahrs verzeichnet er dennoch ein Plus von knapp 40 Prozent. Dazu kommt eine beschleunigte Preisspirale bei Genussmitteln, Nahrung, Dienstleistungen und Industriegütern.

Dass sich die Inflation hierzulande noch unterhalb des EU-Durchschnitts bewegt, geht auch auf das 9-Euro-Ticket und den Tankrabatt zurück. Beide Maßnahmen sind inzwischen aber ausgelaufen, mittelfristig wird sich auch das negativ auf die Inflationsrate auswirken.

Auch die Kerninflation, bei der schwankungsreiche Preise für unverarbeitete Lebensmittel und für Energie herausgerechnet werden, lag im August mit 3,5 Prozentpunkten deutlich über dem Durchschnitt. Für Experten ist das ein Zeichen, dass die Inflation nicht nur aufgrund des Ukrainekrieges zulegt, sondern insgesamt an Fahrt gewinnt. Gleichzeitig steigt das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale, weil Gewerkschaften bei den Tarifverhandlungen versuchen, die hohe Inflation zumindest zu kompensieren.

EZB reagiert – aber viel zu spät

Während sich die Inflation munter durch den Wohlstand fraß, hat die Europäische Zentralbank (EZB) erstmal zugesehen. Von der 10 Jahre währenden Nullzinspolitik wollte man offenbar nicht abrücken. Kritiker werfen dem kontinentalen Geldinstitut deswegen vor, die Dramatik der Lage verschlafen oder verkannt zu haben. Erst im Juli konnte man sich dort zu einer Zinserhöhung durchringen: um 0,5 Prozent. Erst kürzlich hat man den Leitzins erneut um 0,75 Prozent auf nunmehr 1,25 Prozent angehoben. Ende Oktober und Mitte Dezember sollen weitere Erhöhungen folgen.

Der gewünschte Effekt solcher Zinserhöhungen ist relativ simpel: Man will damit das Sparen attraktiver machen. Wenn es sich mehr lohnt, Geld auf dem Konto zu haben oder es anzulegen, wird damit logischerweise weniger gekauft. Daraufhin sinkt die Nachfrage nach Waren und nach Dienstleistungen insgesamt und deren Preise sinken.

Das Problem: Solche Schritte funktionieren eigentlich nur bei einer sogenannten nachfrageinduzierten Inflation . Wenn also eine hohe Nachfrage für hohe Preise verantwortlich ist. Das aktuelle Problem auf dem Weltmarkt ist aber eine angebotsinduzierte Inflation : Energie und viele Wirtschaftsgüter sind kaum in ausreichender Menge vorhanden. Mit der Erhöhung des Leitzinses will man aber auch verhindern, dass Akteure in der Wirtschaft die hohen Preise normalisieren und zum neuen Standard erklären.

Problem Nummer zwei: Zinserhöhungen bergen auch immer das Risiko einer Rezension, wenn man die Kaufkraft damit nämlich zu sehr abschwächt.

Was die USA besser machen

In den USA verliert die Inflation bereits an Fahrt. Im August lag sie nur noch bei 8,3 Prozent. Anders als die EZB hat die US-Notenbank Fed (Federal Reserve System), den Mechanismus der Zinserhöhung früher bemüht und Zinsen seit Juni dreimal angehoben: Auf nunmehr über 3 Prozent.

Mitte August hat US-Präsident Biden zudem ein milliardenschweres Gesetzespaket unterzeichnet, bei dem es neben Klima- und Sozialthemen auch um die hohe Inflation ging. Das Gesetz soll unter anderem Medikamentenpreise senken und das Staatsdefizit um mehr als 300 Milliarden Dollar reduzieren. Beides geschieht mit der Absicht, damit auch die Inflation in den Griff zu bekommen. Das Gesetz wird auch Steuerschlupflöcher schließen und große Konzerne stärker zur Kasse bitten.

Gewinner und Verlierer der Inflation

Wie bei jeder Inflation gibt es auch jetzt Gewinner und Verlierer – wobei letztere sicher die Mehrheit stellen. Inflation entlastet jene, die Schulden haben, weil damit schließlich auch die geschuldeten Beträge an Wert verlieren. Für den Staat ist das beispielsweise nicht nur schlecht, denn Bund und Länder sind aktuell mit rund 2.231 Milliarden Euro im Minus. Auch jene Banken, die über geringe eigene Mittel verfügen und sich selbst Geld leihen, machen bei hoher Inflation bessere Geschäfte.

Die Verlierer sind wir alle: Normale Bürger und besonders die Mittelschicht. Menschen mit geregelten Einkommen, deren Beträge sich nur langsam oder wenig ändern, werden von raschen Preissteigerungen besonders hart getroffen. Auch niedrig verzinste Ersparnisse schmelzen. Professionelle Anleger haben ihre Gelder hingegen oft schon im Vorfeld in Sicherheit gebracht.

Auch Notenbanken spielen in Zeiten hoher Inflation mit miesen Karten: Sie sind oft die Geldgeber, bei denen Staaten ihre Schulden machen.

Die Lage in Deutschland: Wenig Hoffnung auf schnelle Besserung

Wer auf ein baldiges Ende der Preisspirale hofft, wird in den kommenden Monaten wohl erst einmal enttäuscht werden. Denn die Bundesbank rechnet im Herbst weiterhin mit steigender Inflation – und das im zweistelligen Prozentbereich. Obwohl die Notenbank die Zinsen angehoben hat, wird der Effekt der Maßnahmen kaum mit der rasenden Geldentwertung mithalten können – eine unmittelbare Wirkung ist sowieso nicht zu erwarten.

Frühestens zum Jahreswechsel, so vermuten Experten, könnte der Höhepunkt der aktuellen Geldentwertung erreicht sein, ein Ende nimmt sie damit aber noch nicht. Bis wir wieder bei der normalen Inflationsrate von 0 bis 2 Prozent ankommen, wird es also wohl noch eine Weile dauern.

Die Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg hat damals übrigens erst mit der Einführung der neuen „Rentenmark“ ihr Ende gefunden. Anders als vorherige Währungen, war die Rentenmark nicht mit Goldreserven gedeckt, sondern mit Immobilien und Landflächen. Man sprach damals vom „Wunder der Rentenmark“.

Dass es in Deutschland noch einmal zum Inflationshorror der 1920er Jahre kommt, ist unwahrscheinlich. Denn die Zentralbanken haben heute bessere und effektivere Methoden, um in den Geldmarkt einzugreifen. Zudem hat Deutschland dieses Mal auch keinen Weltkrieg verloren.

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