iPhone Fold: Warum Apple nicht zu spät kommt

iPhone Fold: Warum Apple nicht zu spät kommt

Samsung zeigt mit den neuen faltbaren Smartphones Galaxy Flip und Fold, dass die Idee des Klapphandys nicht tot zu bekommen ist. Apple muss aber nicht jedem Trend hinterherlaufen.

Der geschätzte Kollege David Price hat gestern auf Macworld spekuliert , dass Apple diesmal einen wichtigen Trend verpassen könnte. Die neuen Klappsmartphones von Samsung, das Galaxy Z Fold 4 und Galaxy Z Flip 4 würden zeigen, dass der Markt nach großen Smartphones verlange, die man nach dem Einklappen leicht verstauen könne. Zwar sind die Lösungen immer noch nicht perfekt, aber würden immer besser. Es sei kaum vorstellbar, dass im Jahr 2030 ein iPhone 21 das dominierende Gerät sei, wenn es immer noch so ähnlich aussehe wie das iPhone 12/13/14. Apple habe eine Tradition, nicht der Erste zu sein, aber die beste Lösung zu bringen, wenn der Markt ausreichend danach verlange. Das ist beim iPhone schon so passiert, was Motorola, Nokia, Blackberry und Konsorten vor dem iPhone an Smartphones produzierten, kann man im Nachgang nur als gescheiterte Prototypen ansehen. Apple habe dann gezeigt, wo der Hammer hängt, Nachahmerprodukte wurden schnell wesentlich erfolgreicher als die der früheren Platzhirschen, die alsbald verschwanden – Nokia produziert in Finnland heutzutage wieder Gummistiefel.

Zu spät zur Party – zu welcher Party?

Nun habe in den letzten Jahren der Markt für klappbare Smartphones offenbar auf Apple gewartet, um zu sehen, wie es wirklich funktioniert . Nur hat man zuletzt sehr wenig aus Cupertino von diesem Thema gehört, an sich nichts weiter als ein Patent hier und ein Patent da . Kommt Apple womöglich zu spät zur Party und wird mit seinem iPhone Fold in der zweiten Hälfte der Zwanziger nur zusehen können, wie Samsung und wenige andere den Markt unter sich aufteilen und Apple letztlich dazu bringen, sich wieder auf Gummistiefel, pardon, auf Macs konzentrieren zu müssen?

Nein, ich denke nicht, dass Apple zu spät zur Party der faltbaren Smartphones kommt. Das ist nämlich eine Party, zu der man gar nicht hin will. Der gelangweilte DJ spielt deutsche Schlagermusik oder viel Schlimmeres, neben alkoholfreien Kaltgetränken gibt es noch lauwarme Filterkaffeeplörre aus der Drei-Liter-Thermoskanne und als Häppchen veganen Mett-Igel. Nichts gegen vegan, wirklich nicht, auch nichts gegen Mett-Igel, aber manche Kombinationen passen einfach nicht. So wie das Smartphone und das Gelenk zum Falten.

Can’t innovate anymore? My ass!

Nicht selten hört man den Vorwurf, das iPhone werde immer langweiliger. Apple gingen die Ideen aus, die Android-Konkurrenz sei viel innovativer und Apple ziehe erst auf Druck des Marktes nach, etwa mit einem 120-Hz-Display oder einer 48-Megapixel-Kamera. Sogar das Always-On-Display dauere ewig . Wenn die jetzt auch noch den Trend zum Klappspaten, äh, Klappsmartphone verpassen, dann: Doom!

Die Fakten stimmen aber nur zum Teil, die Schlussfolgerung gar nicht. Sicher, ein 120-Hz-Display hatte es bei Samsung und Co. schon deutlich früher gegeben. Apples Lösung Pro Motion ist aber weit mehr als das: Das iPhone 13 Pro passt die Bildwiederholrate adaptiv an. Wenn keine 120 Hz benötigt werden, warum sollte man dann weiter Energie verschwenden? 48 Megapixel kann man auf einen winzigen Smartphone-CCD schon packen, die einzelnen Pixel liegen dann aber so nahe beieinander, dass Bilder verrauschen. Wie man hört, plant Apple für das iPhone 14 (Pro) zwar physisch 48 Megapixel auf dem Fotosensor, diese seien aber in den meisten Fällen zu Vierergruppen gekoppelt, sodass die Standardauflösung bei 12 Megapixel bleibe und nur bei extremen digitalen Zoom die hohe Auflösung zur Geltung kommt. Der A16 Bionic hingegen wird ein Chip sein, der erneut denen der Konkurrenz um Jahre voraus sein wird. Ich bin mal gespannt, was dessen neuronale Kerne aus einer verrauschten Aufnahme zaubern können – ich sage nur “Deep Fusion”. Beim Nachtmodus war Apple auch nicht der Erste, liefert aber dank der mächtigen “computational photography” großartige Ergebnisse, die von Generation zu Generation noch einen Tick besser werden . Und was das Always-On-Display betrifft: Mit einer Bildwiederholrate von 1 Hz ergibt das erst wirklich Sinn. Man will ja nicht sein Telefon mehrmals am Tag laden müssen, selbst wenn 60-Watt-Schnelllader kurze Tankstopps für Androiden versprechen.

Apple hat etwas anderes im Sinn: das Nutzererlebnis. Das wird wesentlich getrübt, wenn die neueste Technik nicht so funktioniert, wie man es sich vorstellt oder die Dinge kompliziert macht. So lässt sich die Physik nicht überlisten, für einen bedeutenden optischen Zoom sind Smartphones einfach zu dünn. Und ob das mit der Periskopkamera so funktioniert, wie es sollte, werden wir sehen, wenn Apple tatsächlich eine einbaut. Und auch in diesem Bereich gibt es über verbesserte Algorithmen hinaus Innovationen, und zwar solche, die sinnvoll sind und nicht mit Maßzahlen prahlen: Lidar zur 3D-Vermessung des Raums vor der Kamera oder die optische Bildstabilisierung, bei der sich der Sensor mitsamt seinem Sockel mitbewegt, um Verwackler auszugleichen. “Can’t innovate anymore? My ass!” – aber das hatte Apples Phil Schiller über den Mac Pro von 2013 gesagt.

Kein Klapphandy – worauf Apple stattdessen setzt

Nokia, so hieß es Anfang der 2000er, habe keine Zukunft mehr, weil es den Trend zu Klapphandys verpasst habe, den Motorola seinerzeit so geschickt zu bedienen wusste. Von Motorola spricht heute keiner mehr und Nokia ist im Mobilfunkmarkt an etwas anderem gescheitert, das hatten wir weiter oben schon erwähnt. Auch diesmal sieht es eher aus, als würde der Trend zum Klappsmartphone kein nachhaltiger sein. Wer will schon ein klobiges Gerät in die Hand- oder Hosentasche stecken, das sich überhaupt nicht flach zusammenfalten lässt? Wegen des größeren Bildschirms? Apple hätte da eine lukrative Idee: Wie wäre es mit einem iPad Mini für die Fälle, in denen man unterwegs einen 8-Zoll-Monitor zu benötigen meint?

Das Problem mit dem Falz in der Mitte lässt sich ohnehin nicht lösen, die Idee mit einem kleineren Bildschirm auf der Außenseite macht das Klappgerät noch dicker. Der Kollege Price mag richtig liegen: Ein gegenüber heute kaum verändertes iPhone 21 wird im Jahr 2030 nicht der Renner sein. Wer weiß, ob es das iPhone dann außerhalb von Nischen überhaupt noch gibt oder das Smartphone generell?

Letzte Nacht habe ich mal wieder das Problem erkannt, das Apple mit seinem nächsten großen Ding, den Apple Glasses oder wie auch immer die Mixed-Reality-Brille heißen könnte, lösen wird. Auf der Suche nach dem Sternbild Perseus braucht man heutzutage keine Sternkarten aus Büchern mehr konsultieren, es gibt hervorragende AR-Apps. Man hält sich das iPhone vor das Gesicht, sieht auf dem Bildschirm das von der Kamera aufgenommene Bild, angereichert mit Informationen zu den Himmelskörpern im Blickfeld. Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Aber wie cool wäre es, wenn die Brille auf der Nase genau diese Informationen gibt? Wenn man den eigenen Blick mit jemandem teilen oder generell aus der Ferne von Angesicht zu Angesicht plaudern könnte, ohne sich vor einen Bildschirm zu setzen?

Erwarten wir aber nicht zu früh, die erste Apple-Brille, die vielleicht schon 2023 kommen könnte , wird noch ein eher klobiges Stück Technik, erst in den Jahren danach wird die Optimierung gelingen. Das iPhone von heute hat mit dem Urahn von 2007 auch nicht mehr so viel gemeinsam. Herausbringen wird Apple diese Lösung aber erst, wenn sie fertig ist und der Markt dafür reif. Das wird eine Party, die wir bis um Morgengrauen und darüber hinaus nicht verlassen wollen!

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