Warum AppleTV+ unterschätzt wird – nicht mehr lang

Warum AppleTV+ unterschätzt wird - nicht mehr lang

Apple TV+ hinkt im Vergleich zu den Branchengrößen Netflix, Amazon und Disney noch weit hinterher. Das ist schade – könnte sich aber bald ändern.

Warum spricht niemand über Gitarristen ? Das fragte im Herbst 2020 die (selbst ernannte) beste Band der Welt. “Die Ärzte” – rhetorisch und selbstironisch. Der Grund sei womöglich die Langeweile, die von Gitarristen und ihren Texten ausginge, heißt es da. Dann kommt noch ein kurzes Gitarrensolo. Warum spricht aber niemand über Apple TV+, die Serien und Filme dort sind doch alles andere als langweilig, fragten wir letzte Woche. Die kluge Antwort des Kollegen Eugen Wegmann : Der Markt ist übersättigt. Netflix mag erstmals Abonnenten verloren haben und Amazon kann das nach der starken Preiserhöhung auch noch passieren. Apple wird kaum wahrgenommen, noch ein Streamingdienst mehr, der dann nicht einmal einen Katalog von alten Filmen und Serien bietet, sondern nur auf Eigenproduktionen setzt? Danke, aber eher nein, danke.

Apple unter Wert geschlagen

Heute fragen wir uns, ob Apple TV+ nicht ein wenig unter Wert geschlagen wird. Wie der Macworld-Kolumnist Jason Snell in seinem Beitrag aus der Reihe “More Color” letzte Woche feststellte, wäre Apple durchaus in der Lage, Netflix zu übernehmen und das Problem mangelnder Aufmerksamkeit zu lösen. Aber Apple hat keinerlei Interesse daran, seine Services-Umsätze auf diese Weise in die Höhe schnellen zu lassen, sondern hat sich für einen anderen, etwas mühseligeren Weg entschieden. Apple baut seinen TV-Service lieber von Grund auf neu, auf die Apple-Weise. Dabei bricht Cupertino sogar mit langjährigen Traditionen: Noch bis kurz vor dem Start von Apple TV+ im November 2019 war es schier undenkbar, dass Apple Music oder andere Services auf Geräten der Konkurrenz liefen und umgekehrt. Der “Walled Garden” ist aber längst nicht mehr so verschlossen , wie er mal gewesen sein mag, Apple TV+ lässt sich nun wirklich auf praktisch jedem internetfähigen Gerät installieren, buchen und nutzen.

Käufer von Apple-Produkten bekamen in den ersten 18 Monaten den Service kostenlos, mittlerweile ist die Probezeit auf einen Monat reduziert. In den bisher fast drei Jahren seit dem Start hatte Apple aber rund eine halbe Milliarde iPhones verkauft, warum haben so wenige das Angebot angenommen? An sich müsste Apple TV+ schon weit vorn liegen.

Die Gründe dafür sind vielfältig und hängen damit zusammen, dass das Angebot erst langsam wächst. Die meisten Serien und Filme auf Apple TV+ sind US-zentriert, erst wenige internationale Produktionen machen ihre Aufwartung in dem Streamingdienst. Die britische Comedy “Trying” etwa. Oder das koreanische Drama “Pachinko”. Selbst die beiden bisher erfolgreichsten Produktionen des Dienstes trauen sich nur bedingt aus den USA heraus: Der Oscar-Preisträger “CODA” ist ein Remake des französischen Films “Verstehen Sie die Béliers?” und die mit Emmys geradezu überschüttete Dramedy “Ted Lasso” dreht sich um einen Amerikaner in London. Wo bleiben aber Serien aus Deutschland? Selbst im Tatort-Land gibt es faszinierende Produktionen, aber “Dark” läuft auf Netflix, “Das Boot” und “Babylon Berlin” auf Sky.

Gemach, gemach, die Internationalisierung kommt langsam, aber gewaltig. Serien wie “Tehran” oder “Losing Alice” kommen aus Israel, die bilinguale “Midnight Familiy” spielt in Mexico City, die “Slow Horses” sind so britisch, wie eine Serie um abgehalfterte Agenten nur sein kann. Will sagen: Apple TV+ ist voller Perlen, die ihr Publikum nicht nur in den USA finden oder bei Apple-Fans, die jedesmal steil gehen, wenn sie ein Produkt mit Apfel-Logo auf dem Bildschirm sehen – sogar in den Animationsfilm “Luck” hat der Auftraggeber eines herein geschmuggelt. Aber es reden noch zu wenige Leute darüber.

Top-Stars ab 2023

Was Apple vielleicht noch ein wenig ausbremsen mag: Die Inhalte sind doch eher familienfreundlich. Das heißt nicht, dass es in “For All Mankind” keine homosexuellen Astronauten geben darf, die auch noch in der Politik Karriere machen. Oder sanfter Grusel wie in “Servant” verboten wäre oder Verbrechen sowie seine schwierige Aufklärung in “Defending Jacob”, “In with the Devil” oder “Shining Girls”. Selbst Steven-King-Horror (“Lizeys Story”) wird gern gesehen. Aber man könnte sich kaum eine bahnbrechende Serie wie “Squid Game” auf Apple TV+ vorstellen. Die Stärken des Streaming-Services liegen auf familientauglichen Inhalte, wie nicht zuletzt eben “Ted Lasso” und “CODA” zeigen. Aber redet darüber die Welt?

Die Macwelt schon, irgendwie müssen wir ja, schließlich haben wir uns auf die Fahnen geschrieben, allumfassend über Apples Hardware, Software und Services zu berichten. Dennoch erstaunt uns immer wieder, wie wenig – oder eher wie selten – Leser das Angebot annehmen, wenn es um Apple TV+ geht. Die Geschichte von letztem Freitag , die auf den Start des ersten Animationsfilms hinwies, den Ex-Pixar-Kreativdirektor John Lasseter verantwortete und der Kandidat für die Oscars 2023 sein könnte: Kaum nennenswert gelesen. Andere Artikel mit Meldungen zum Start neuer Serien oder den Vertragsabschlüssen dafür: Fast gar nicht gelesen. Aber gut, den Wirtschaftsteil und den mit dem Fernsehprogramm der Tageszeitung überblättert man auch gern. Eine Ausnahme hat es aber gegeben.

Als im Januar 2021 der Film “Palmer” mit Justin Timberlake in der Rolle eines Ex-Sträflings anlief, der in seine Heimat zurückkehrt und sich dort um einen vernachlässigten Jungen kümmert, traf auch unsere Berichterstattung auf Interesse. Schrieben wir aber über die Werke anderer Kinostars, die es bei Apple im Stream gibt, etwa Tom Hanks (“Greyhound”, “Finch”) oder Tom Holland (“Cherry”) – wäre schade um das Papier gewesen, wenn wir es gedruckt hätten.

Nach fast drei Jahren hat Apple ein umfangreiches Programm, die erfolgreichsten Serien gehen bald in eine dritte Staffel (“Ted Lasso”, “Trying”) oder haben schon eine vierte zugesagt bekommen (“For All Mankind”). Überraschungserfolge wie “Severance” bekommen eine Fortsetzung – gut, dass das Ende von Staffel 1 offen geblieben war. Die wenigen offensichtlichen Misserfolge verschwinden aus den Augen und aus dem Sinn, wie das etwas unter Wert gelaufene “Little Voice” – und von der etwas seltsamen Serienadaption “Mosquito Coast” haben wir auch schon eine Weile nichts mehr gehört. Die Knaller, über die die Welt sprechen wird, stehen aber schon hinter dem Horizont.

Hollywood-Legenden geben sich die Ehre

Schon “demnächst” im Stream: ” Killers of the Flower Moon ” – die Verfilmung eines Romans, der auf wahren Begebenheit im Oklahoma der 1920er beruht. In der Hauptrolle: Leonardo diCaprio. Regie und Produktion: Martin Scorsese. Die beiden Oscar-Preisträger, die auf Academy-Ehren so lange warten mussten, werden für Apple TV+ ein weiteres Projekt stemmen : “The Wager: A Tale of Shipwreck, Mutiny and Murder” – auch eine Literaturverfilmung, die dann eher 2023 herauskommt.

Und noch ein Oscar-Gewinner steht im wahrsten Sinne des Wortes in der Startaufstellung: Brad Pitt spielt in einem Formel-1-Film, den der siebenmalige Champion Lewis Hamilton mitproduziert, einen aus dem Ruhestand zurückgekehrten Weltmeister, der mit einem Neuling zusammen das Fahrerfeld aufmischen soll. Nun ja, Michael Schuhmacher war 2010 zurückgekehrt, um Mercedes und mittelbar Lewis Hamilton dabei zu helfen, über Jahre hinaus ein unschlagbares Team zu werden – wenn das keine Vorlage für eine Hollywood-Story ist.

Sportliche Aussichten

Jetzt fehlt es an sich nur noch an exklusivem und nicht fiktionalem Sport, damit die 5 US-Dollar oder Euro für Apple TV+ locker vom eigenen Konto auf die in Cupertino fließen. Und ja: Apple ist da schon mittendrin, statt nur dabei. Baseball mag hierzulande niemanden interessieren, in den USA ist das eine ganz andere Nummer, jeden Freitag gibt es exklusive Matches bei Apple TV+. American Football hingegen findet auch in Deutschland seine Fans, die Allianz-Arena hätte man für den November drei oder vier Mal ausverkaufen können, wenn sich die Teams aus Tampa Bay und Seattle die Ehre geben – angeblich soll Apple sehr stark an einem Sendepaket für die Saison 2023/24 interessiert sein. Hinzu kommen eventuell Spiele der Champions League – warum sollte man dann die Preissteigerungen bei Amazon und DAZN mitgehen. Aber unser Artikel ” Bayern gegen Barca bald bei Apple TV+? ” hat – Sie ahnen es – kaum Leser gefunden. Dennoch: Apple TV+ darf man nicht unterschätzen, der Dienst könnte bald ein enormes Wachstum an Interesse und letztlich auch Abonnenten hinlegen. Netflix kaufen muss Apple dafür nicht.

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