Was wäre, wenn es das iPhone nie gegeben hätte?

Was wäre, wenn es das iPhone nie gegeben hätte?

Apples iPhone sorgte für eine Revolution. Es hätte aber auch ganz anders kommen können. Was wäre, wenn es das iPhone nie gegeben hätte?

Historiker reagieren recht unwillig, wenn es um die Frage geht, ob „es nicht hätte ganz anders kommen können“. Dabei hat sich wohl jeder diese Frage schon gestellt. Hätte ein kleiner Flugzeugabsturz den Weltkrieg verhindert oder ein Funkspruch die Katastrophe der Titanic? Oder etwa doch nicht? Beim Durchspielen dieser Möglichkeiten wird nämlich oft erst klar, was das wirklich Neuartige war und wie wohl die Alternativen ausgesehen hätten.

Was wäre also geschehen, wenn sich Steve Jobs am 9. Januar 2007 plötzlich anders entschieden hätte – und Apple das Projekt iPhone eingestampft hätte? Das ist gar nicht so abwegig. Die ersten Modelle waren recht instabil und Steve Jobs wäre ein solcher Schritt durchaus zuzutrauen gewesen. Es hätte dann kein iPhone gegeben, kein iOS und auch keinen Durchbruch im Bereich mobile Apps. Statt unser Gedächtnis in die Cloud auszulagern, würden wir uns heute Verabredungen und Namen einfach merken, Fotos in der Dunkelkammer entwickeln, Notizbücher und Zeitungen aus Papier benutzen und unsere Handys nur zum Telefonieren benutzen. Oder etwa doch nicht?

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Geschichtswissenschaftler bemängeln bei einer solchen „virtuellen Geschichtsschreibung“, dass der Einfluss einzelner Personen völlig überschätzt wird. Üblicherweise sind es größere gesellschaftliche oder technische Entwicklungen, die für diese Änderungen verantwortlich sind. Wichtige Personen sind da eher zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das triff auch beim iPhone zu: In jedem Fall standen mobile Geräte 2007 kurz vor dem Durchbruch. Kleine und leistungsfähige CPUs machten das Surfen auf einem Handy möglich und dank schneller Netzwerktechnologie wie 2G und später 3G war es auch ohne WLAN möglich zu Surfen, E-Mailen und Chatten. Nicht zuletzt begann sich das Handy als Foto- und Videokamera zu etablieren und sorgte für immer bessere Bilder.

Wer hätte es stattdessen geschafft?

Gesetzt den Fall, Apple hätte kein iPhone vorgestellt, hätte sicher ein anderer Hersteller den Smartphone-Markt erobert. Hier gab es eine echte Marktchance. Nicht Steve Jobs wäre dann allerdings der Erfinder des Smartphones geworden, sondern jemand anderes hätte die Entwicklung der nächsten Jahre geprägt. Wer aber hätte es wohl geschafft, den Durchbruch zu erreichen? Nokia vielleicht? Oder gar Microsoft? Was viele nicht mehr wissen: Zu diesem Zeitpunkt war Nokia noch einer der wichtigsten Handy-Hersteller und hatte mit dem Smartphone N95 ein sehr beliebtes Smartphone im Programm. Allerdings setzten die Finnen mit dem System S60 auf ein wild wucherndes Betriebssystem, das für den Massenmarkt einfach nicht geeignet war. Auch ohne iPhone wäre Nokia nach Meinung des Autors gescheitert, hätte aber vielleicht die bald folgende Übernahme durch Microsoft umgehen können. Auch Microsoft hatte eine nicht auf den Massenmarkt zielende Strategie und wollte mit seiner Mobilversion von Windows – “Windows Mobile 6” – auf dem Büromarkt punkten. Die Zahl der Entwickler für die Plattform wäre aber auch ohne das iPhone weiter zu klein geblieben. Gerade diese beiden Pioniere hätten wohl auch ohne übermächtiges iPhone nicht lange überlebt. Zu festgefahren war ihr Konzept und zielte einseitig auf eine Zielgruppe auf berufliche Anwender.

Genutzt hätte die Chance dagegen Google mit seinem kurz vor der Veröffentlichung stehenden Android. 2005 hatte Google das System für heute lächerlich niedrige 50 Millionen Dollar eingekauft und zielte darauf, ein System für Hardwarehersteller bereitzustellen. Mit dem zugegeben hässlichen HTC Dream gab es dann schon Ende 2008 das erste Android Smartphone, mit dem Android Market einen echten App Store. Mit Samsung gab es außerdem einen Partner, der auch gute Smartphones entwickeln konnte. Nicht ohne Grund sind heute nur noch Android und iOS aktiv, ohne iPhone gäbe es heute vermutlich nur noch Android.

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Das Dream war nicht gerade ein iPhone-Killer
Vergrößern Das Dream war nicht gerade ein iPhone-Killer

© Mr.Mikla/Shutterstock

Tastatur statt Touchscreen

Apple-Entwickler haben sich später oft beschwert, Google habe das iPhone kopiert. Das ist nur teilweise richtig. Nur Steve Jobs hatte damals den Mut, komplett auf einen Touchscreen zu setzen. Das darf nicht unterschätzt werden. Das ursprüngliche Konzept des Android-Smartphones sah dagegen noch ein klobiges Smartphone mit Tastatur vor. Einen gewissen Einfluss hatten darauf Telekom-Giganten wie T-Mobile, die über Geräte wie das Dream vor allem teure Online-Dienste verkaufen wollten.

So hat das HTC Dream ein sehr konservatives Design, mit einer unter dem Display verborgenen Hardware-Tastatur. Anfangs hatte es nicht einmal eine virtuelle Tastatur. Ohne das damals gewagte Touchscreen-Konzept des iPhone hätte sich die Hardware-Tastatur viel länger gehalten. Das iPhone zwang Google aber, das Konzept von Android radikal zu ändern. Anders als Blackberry und Nokia lernte Google aber sehr schnell. Auch ohne iPhone hätte sich der Touchscreen sicher durchgesetzt, nur bedeutend später.

Etwas später: IT und der App Store

Was man ebenfalls nicht vergessen sollte: iPhone-Nutzer brachten sehr bald die IT-Struktur vieler Unternehmen in kreative Unordnung. Die Firmen-IT musste sich vor dem iPhone fast nur mit der Einbindung von Blackberrys und „zertifizierten“ Handys auseinandersetzen, das iPhone brachte hier viel frischen Wind. Firmenchefs mit neuen iPhones forderten nämlich Zugriff auf firmeninterne Daten, WLAN-Hotspots und E-Mail-Konten für ihr Apple-Gerät. Ohne iPhones hätte sich wohl mobiles Arbeiten weit weniger schnell durchgesetzt.

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Ein weiterer Unterschied zu Android: Spendable iPhone-Nutzer waren sehr schnell bereit, für Apps auch Geld zu bezahlen. Während unter Android-Nutzern noch viel länger eine „Kostenlos-Kultur“ zu spüren war, konnte man plötzlich mit iOS-Apps Geld verdienen. Nur so entstand in wenigen Jahren ein komplett neuer Wirtschaftsbereich, zu dem auch bald zahllose Dienste und Angebote gehörten.

Fazit:

Niemand ist unersetzlich und ohne iPhone wäre die Mobile Revolution eben ohne Apple durchgestartet. Die Adaption von Online-Diensten und App Stores wäre aber ohne iPhone wohl deutlich langsamer verlaufen – und auch Android hätte sich ohne die harte Konkurrenz durch iOS wohl viel langsamer entwickelt. Dieses Konkurrenzverhältnis hat die Weiterentwicklung von Android und iOS schließlich stark geprägt. Was wäre aber aus Apple geworden? Vermutlich wäre das Unternehmen noch immer ein mäßig verbreiteter Nischen-Hersteller von Notebooks und Desktops. Denn ohne iPhone hätte es auch kein iPad gegeben – und ohne allgegenwärtige iPhones keine Airpods und keine Apple Watch. Es wäre auch nie zu einem solchen Duopol wie Android und iOS gekommen. Stattdessen wäre heute einzig Android die dominierende Mobilplattform – und Google und seine Dienste wohl noch übermächtiger, als sie es jetzt schon sind.

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